DOGEWO21 Jubiläumsbuch - 100 Jahre Wohnen in Dortmund

12 „Wir wollen, daß gesündere Geschlechter nach uns kommen, und das erreichen wir nur durch weitgehende Verbesserungen der Wohnungsverhältnisse. Groß sollen die Hofräume werden, ausgedehnt die Gärten, zahlreich die freien Plätze, weit die Wiesen und Wälder. Das schulden wir vor allem den weniger bemittelten Krei- sen unserer Bevölkerung.“ 1 Ernst Eichhoff Als Dortmunds neuer Oberbürgermeister Ernst Eichhoff in seiner Antritts- rede vor den Stadtverordneten im November 1910 auch die Wohnver- hältnisse in der Stadt ansprach, griff er ein Thema auf, das schon seit Jahrzehnten virulent war, das in den 1890er-Jahren als „Wohnungsfrage“ immer stärker in die Diskussion geriet und spätestens mit Beginn des neuen Jahrhunderts vor allem für die unteren sozialen Schichten der Stadtgesellschaft ein existenzielles Problem darstellte. Betroffen waren vornehmlich die Bürger in den industriell und proletarisch geprägten Quartieren der Nordstadt. Es gab viel zu wenige Wohnungen, die sich auch Bergleute, Stahlarbeiter, Tagelöhner, Handwerker und kleine An- gestellte leisten konnten. Der überaus begehrte Wohnraum in Zechen- kolonien und Werkswohnungen deckte nur einen kleinen Teil des Be- darfs der Arbeiterschaft und machte die Mieter zudem auch außerhalb des Unternehmens von ihrem Arbeitgeber abhängig. Und auch wer eine Wohnung hatte, lebte häufig unter Bedingungen und in Räumen, die die Bezeichnung „Wohnung“ kaum verdienten. Zugige Dach- und feuchte Kellerräume mussten als Obdach herhalten, Einraumwohnungen, in denen Familien mit mehreren Kindern hausten, enge, finstere Innenhöfe, in die kein Sonnenlicht gelangte und in denen Scharen von Kindern zwi- schen Kleinställen, Mülltonnen und Unrat spielten. Die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal, die Tuberkulose die Geißel der städ- tischen Armen. Wer über zwei oder drei Zimmer verfügte, nahm in der Regel Untermieter, Kostgänger oder Schlafgänger auf, um die Miete zah- len zu können. Drei, vier alleinstehende Kostgänger auf einer Stube und Schlafstellen mit doppelter Besetzung im Rhythmus der Arbeitsschich- ten waren keine Seltenheit. Selbst in Baracken, ausgedienten Kuhställen und später auch im alten Gerichtsgefängnis lebten Dortmunder Männer, Frauen und Kinder monate-, ja jahrelang in der vagen Hoffnung, irgend- wann doch einmal in menschenwürdigen Räumen wohnen zu können. Ernst Eichhoff, Dortmunder Oberbürgermeister 1910–1933

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