DOGEWO21 Jubiläumsbuch - 100 Jahre Wohnen in Dortmund

15 Statistiken, die eindringlich aufzeigen, wie groß die Wohnungsnot in Dortmund zur Zeit der Hochindus- trialisierung war, liegen reichlich vor und sprechen eine deutliche Sprache. Quellen, die aus dem Innern dieser Wohnverhältnisse berichten, also von Be- troffenen verfasst wurden, und aufzeigen, welche menschlichen Schicksale hinter den Zahlen der Statistiken standen und was es bedeutete, in diesen Verhältnissen zu leben, sind rar gesät. Der Dortmunder Schriftsteller und Fotograf Erich Grisar (1898–1955) hat in seinem reichen Werk wie kein anderer auch die Lebens- und Wohnverhältnisse in der Dortmunder Nordstadt in Text und Bild doku- mentiert. 2 Selbst ein Kind des Arbeiterviertels nörd- lich des Bahnhofs, vermitteln seine Arbeiten einen aufschlussreichen Einblick in das von Not, Enge und Schmutz geprägte Leben: „Wenn ich meine Augen schließe und ganz ange- strengt zurückdenke, dann taucht von den 14 oder 18 Häusern, in denen ich meine Jugend verbracht habe, das auf, an das meine ersten Erinnerungen zurückreichen. Es ist ein großer vierstöckiger Bau aus dunklen verrußten Ziegeln, mit endlosen Fluren und blankgerutschten Treppengeländern. Hinter dem Haus ist der Himmel von zahllosen Wäsche- leinen zerschnitten, die von den Fenstern des Hau- ses zum Dach des niedrigen Schuppens herüber gespannt sind, in dem die Bewohner des Gebäudes sich ihre Kaninchen halten. Manchmal riecht es nach Fäkalien. Dann liegt ein dicker Schlauch im Hof. Wie ein Lindwurm, der die Abortgruben leer trinkt, deren Inhalt in einem großen Faß zu den Gärten gefahren wird, die damals noch überall dort sich befanden, wo heute [1932] endlose Häuserblocks sich erheben. Dieses Haus war eine der ältesten Mietskasernen meiner Vaterstadt […]. Das Leben in diesem Haus war das elendste und erbärmlichste, das sich denken läßt […]. Ein Zimmer besaßen wir in diesem Riesen- haus. Mein Vater war selten zu Hause, da er auf Mon- tage arbeitete, und so war meine Mutter, umMiete zu sparen, auf dieses eine Zimmer gezogen. Ich sehe es noch deutlich vor mir. Die Matratze des nicht aufge- stellten zweiten Bettes war hochgestellt und stand zu Füßen des anderen Bettes. Vor diesem Bett stand ein Tisch. An den Wänden Schränke und die Seiten- teile der Bettstelle.“ 3 Arbeitermoloch Nordstadt Einen kleinen, aber scharf konturierten Einblick in die Wohnverhältnisse bieten auch überlieferte Polizei- berichte, hier der Sittenpolizei der Nordstadt, die häufig aufgrund anonymer Anzeigen in „übervölker- ten Wohnungen“ ermittelte, weil sie die „Sittlichkeit“ gefährdet sah, wo Menschen unterschiedlichen Geschlechts auf engem Raum lebten und vor allem schliefen. Selbst in Fällen, wo es sich ausschließ- lich um Eltern und ihre teils erwachsenen Kinder handelte, wurde sie tätig. 4 In einem Hinterhaus am Sunderweg 58, praktisch an der Werksmauer der Dortmunder Union, lebte 1914/15 eine fünfköpfige Arbeiterfamilie in zwei Räumen auf insgesamt 23 m² Fläche. Die Eltern und ihre drei Töchter, 8, 11 und 17 Jahre alt, schliefen alle in dem einzigen Raum, der neben der Küche zur Wohnung gehörte. Die Sitten- polizei forderte die Familie mehrfach auf, sich eine größere Wohnung zu suchen, da es nicht angehe, dass der Vater und die 17-jährige Tochter in einem Raum schliefen. Die Mutter teilte der Polizei mehr- fach mit, dass sie eine größere Wohnung nicht be- zahlen könnten, da ihr Mann der einzige Verdiener sei und als Tagelöhner auf der Union nur 4,20 Mark am Tag verdiene. 4,20 Mark täglich für eine fünfköp- fige Familie – nach zeitgenössischen Erhebungen einer Gewerkschaft in über 100 großen deutschen Erich Grisar, Kolonie Kaiserstuhl in den 1920er-Jahren

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