DOGEWO21 Jubiläumsbuch - 100 Jahre Wohnen in Dortmund

16 Städten benötigte eine vierköpfige Familie im Som- mer 1915 etwa 5 Mark täglich für die Ernährung. Für die Miete mussten Arbeiter zudem durchschnittlich 15% bis 20% ihres Lohnes aufbringen. Die Differenz zwischen dem eigentlich notwendigen Einkommen und den tatsächlichen Lebenshaltungskosten wurde, wie seinerzeit häufig zu hören war, „weggehungert“ und/oder eben mit unwürdigen Wohnverhältnissen ausgeglichen. Die Gründe für die große Misere auf demWohnungs- markt waren unschwer auszumachen und den kom- munalen Amtsträgern und Politikern jener Zeit nur allzu gut bekannt. Den Ausschlag gab die rasant bis stürmisch steigende Zahl der Einwohner infolge der Hochkonjunktur der Montanindustrie sowie, in ihrem Schlepptau, der Brauindustrie, des verarbeitenden Gewerbes und des Handels. Allein zwischen 1900 und 1914 schnellten die Einwohnerzahlen Dortmunds von 142.000 auf 253.000 in die Höhe, ein gewaltiger Zuwachs an Menschen, die selbst bei vorausschau- ender Stadtplanung und verantwortungsbewusster Wohnungspolitik in solch kurzer Zeit nur schwer mit annehmbaremWohnraum hätten versorgt werden können. Indes war von Stadtplanung noch wenig zu erkennen und kommunale Wohnungspolitik stand in Dortmund wie im gesamten Deutschen Reich bis zum Ersten Weltkrieg schlichtweg nicht auf der Agenda. Bis 1918 wurden 95% aller Wohnhäuser in Dortmund von privaten Bauherren errichtet und sie bauten Mietskasernen, wo und wie sie wollten, nahe- zu ohne Auflagen, den Blick vor allem auf die Rendite gerichtet. Für gemeinnützigen Wohnungsbau sorg- ten in Dortmund allein Genossenschaften, etwa die „Gemeinnützige Baugesellschaft“ und vor allem der 1893 gegründete „Spar- und Bauverein“. Angesichts des überaus großen Bedarfs an preiswertem und annehmbaremWohnraum war das Wirken der Genos- senschaften überaus verdienstvoll, aber mit knapp 5% des Gesamtwohnungsangebots kaummehr als der bekannte Tropfen auf dem heißen Stein. „Dortmund platzt aus allen Nähten“, konstatierten angesichts der hohen Bevölkerungsdichte und des anhaltenden Zuzugs von Menschen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts alle, die sich um die Stadtent- wicklung und das Wohl der Einwohner sorgten. Dabei gilt zu bedenken, dass der damalige Stadtkreis nur etwa ein Zehntel (1900: 27 km²) der heutigen Stadt- fläche (280 km²) einnahm. Die Grenzen der Stadt ver- liefen im Jahr 1900 im Süden und Westen entlang der Emscher; im Norden umfasste ihr Gebiet den Hafen und reichte bis an die Gemeinden Eving und Linden- horst heran, imWesten an Körne. Das Bild und die Topografie der Stadt ließen und lassen ihre histori- sche Entwicklung deutlich erkennen: einen entlang der einstigen Hauptverkehrsader, dem Hellweg, in die Länge gezogenen Stadtkern, um den herum sich die ummauerte Altstadt entwickelte. Als wichtiger Handelsplatz und Akteur der Hanse blühte Dortmund auf, verlor dann wieder an Bedeutung und 1803 auch die Reichsfreiheit. Vom einstigen Glanz blieb ein verschlafenes Ackerbürgerstädtchen mit gerade einmal 4.000 Einwohnern – im Grunde ein großes, ummauertes Dorf. Vom Ackerdorf zur Industriestadt Erst „die Locomotive weckte den Schläfer“ – so brachten Zeitgenossen die Bedeutung des Einzugs der Eisenbahn trefflich auf den Punkt. Als 1845 die Arbeiten am Bahnhof begannen, da trug allein die Tatsache, dass er außerhalb der Stadtmauern erbaut wurde, ein Gutteil Symbolik in sich. „Reißt die Mauer aus der Erde! / Schafft den alten Plunder fort! / Daß es Licht nach Norden werde, / Und entsteht ein neuer Ort.“ Mit euphorischen Gelegenheitsgedichten wie diesem feierte das Dortmunder Wochenblatt 1845 den Fall der Stadtmauer und sah den Bau des Bahn- hofes als Sprung in einen neuen, bedeutenden und vielleicht auch glanzvollen Abschnitt der Stadtge- schichte an. Und sie sollte Recht behalten. Unmittel- bar nördlich des Bahnhofes entstand ein neuer Ort, dessen Sozialstruktur mit jener der Altstadt kaum etwas gemein hatte und der den Keim der späteren Nordstadt bildete. Hier siedelten sich zunächst die Arbeiter der Bahn und der ihr zuarbeitenden Betriebe an. Im Zuge der Industrialisierung griff das Arbeiter- wohnviertel dann weiter nach Norden aus und reichte 1910 bis an die Mallinckrodtstraße und den Nord- markt, nordöstlich der Altstadt bis zum Borsigplatz, nordwestlich bis zum Hafen. Da auch die großen

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