DOGEWO21 Jubiläumsbuch - 100 Jahre Wohnen in Dortmund

18 Licht und Sonne. Gegen die Einrichtung von Wohnun- gen in feuchten, sonnenlosen Hinterhöfen trug man damals keine Bedenken.“ 5 Ganz anders sah es in den „besseren Vierteln“ südlich und östlich der Altstadt aus, wo die Wohn- bebauung 1914 grob gesehen die Markgrafenstraße im Süden und den Ostfriedhof im Osten erreicht hatte. Dort war ein fast industrie- und gewerbefreies Wohngebiet mit Großwohnhäusern im Anschluss an den alten Stadtkern und aufgelockerter Landhaus- bauweise weiter im Süden entstanden. Dort war 1914 auch noch reichlich Bauland an bereits projektierten Straßen vorhanden, doch für die große Masse der Arbeiter und Handwerker waren Wohnungen in die- sem Gebiet nicht zu bezahlen und wegen der recht großen Distanz zu den Arbeitsstätten der Industrie auch nicht wirklich gefragt. Zwar verkehrten seit den 1880er-Jahren Straßenbahnen in der Stadt und fuh- ren auch die großen Werke an, doch die regelmäßige Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel konnte sich kaum ein Arbeiter leisten. Zur Fabrik ging es zu Fuß, bestenfalls mit dem Rad. Neue Köpfe, neue Ämter Für die sozial und baulich bedenkliche Entwicklung der Stadt war daher in gewissem Sinn nicht der starke Bevölkerungszuwachs an sich das Problem, sondern die Tatsache, dass die allermeisten der in die Stadt drängenden Menschen als Arbeiter und Tagelöhner in Industrie und Handwerk Beschäftigung suchten und fanden und daher mit bescheidenen bis ärmlichen und unwürdigen Lebensverhältnissen Vorlieb nehmen mussten. Die ausgedehnten Gärten, die freien Plätze, die Wiesen und Wälder, von denen Oberbürgermeister Eichhoff in seiner Antrittsrede von 1910 gesprochen hatte, gab es noch auf dem Gebiet der Stadt. Es gab sie südlich des Hellwegs, aber nicht dort, wo man sie brauchte – im Norden. Dass Eichhoff im Blick auf die Stadtentwicklung und Stadterweiterung auch an Wohl und Gesundheit der „weniger bemittelten Kreise“ gelegen war, lässt sich kaum in Abrede stellen; die Hauptrolle spielten aber die Interessen der Montanindustrie. Die Industrie- kapitäne und größten Arbeitgeber der Stadt gaben in Dortmund wie im gesamten Ruhrgebiet auch im Blick auf die Nutzung freier Flächen den Kurs vor. Sie forderten Raum für die Expansion und die infra- strukturellen Belange ihrer Werke. Dass der erste große Schritt der flächenmäßigen Stadterweiterung (nach der kleineren Eingemeindung Körnes im Jahr 1905) die Gemeinden nördlich und nordwestlich des Stadtgebietes umfasste, war daher nur folgerichtig: 1914 wurden Eving, Lindenhorst, Kemminghausen, Dorstfeld, Huckarde, Wischlingen, Deusen und Rahm eingemeindet. Das waren vor allem jene Gemeinden, bis an deren Grenzen die Montanindustrie im weiteren Umland des 1899 eröffneten Hafens vorgestoßen war.

RkJQdWJsaXNoZXIy NjAxNTI=