DOGEWO21 Jubiläumsbuch - 100 Jahre Wohnen in Dortmund

33 Die neue Gesellschaft begann ihre Arbeit in einer Zeit, wie sie schwieriger kaum hätte sein können. Der verlorene Krieg, revolutionäre Unruhen, Streiks und die schon im Krieg einsetzende Geldentwertung, die in der Hyperinflation von 1923 ihren Höhepunkt fand, prägten die politische und wirtschaftliche Situation in den ersten Jahren der jungen Republik. 1923 bis 1925 folgte zudem die Besetzung des Ruhrgebiets durch französische und belgische Truppen. Die Be- völkerung bekam die Kriegsfolgen in Form großer sozialer Not zu spüren. Der Mangel an Lebensmitteln war seit dem „Steckrübenwinter“ von 1916/17 das drängendste Problem, gleich gefolgt von der Woh- nungsnot. Unterernährung, katastrophale Wohnver- hältnisse und Medikamentenmangel forderten sei- nerzeit in Deutschland täglich das Leben Hunderter Kinder. Diese „Übergangszeit“ vom Kaiserreich zur Republik endete erst mit der Währungsreform im November 1923. Es folgten gut fünf Jahre wirtschaft- lichen Aufschwungs, der vornehmlich auf amerika- nischen Krediten beruhte und 1929/30 abrupt in der Weltwirtschaftskrise endete. Die Antwort der ersten deutschen parlamentari- schen Demokratie auf die mit Kriegsende verschärf- te, alles überlagernde soziale Frage war eine ausge- prägte Fürsorgepolitik. Dauerhafte sozialstaatliche Intervention wurde auch in der Wohnungspolitik zum Prinzip erhoben. Das Recht auf eine menschenwür- dige Wohnung hielt sogar in die Weimarer Verfassung Einzug. In Artikel 155 hieß es: „Die Verteilung und Nutzung des Bodens wird von Staats wegen in einer Weise überwacht, die Missbrauch verhütet und dem Ziele zustrebt, jedem Deutschen eine gesunde Woh- nung und allen deutschen Familien, besonders den kinderreichen, eine ihren Bedürfnissen entsprechen- de Wohn- und Wirtschaftsheimstätte zu sichern.“ Das war zwar erst einmal nur eine Absichtserklärung, aber immerhin eine von Verfassungsrang – und auf kaum einem anderen Gebiet sollte die Weimarer Republik so nachhaltig erfolgreich sein wie imWoh- nungsbau, speziell im gemeinnützigen Wohnungs- bau. Wichtigstes Instrument der Finanzierung der kommunalen Wohnungsfürsorge wurde die Haus- zinssteuer. Eine Abgabe, die von 1924 an alle Eigen- tümer von Immobilien entrichten mussten und deren Erträge dem öffentlich geförderten Wohnungsbau zugutekamen. Als 1918/1919 die Wohnungsbauförderung die dauer- hafte Aufgabe von Staat und Kommunen wurde, stand die Dortmunder Gemeinnützige Siedlungs- gesellschaft in den Startlöchern. Und mit nicht mehr als einer Handvoll von Mitarbeitern unter der Regie von Geschäftsführer Strehlow und Städtebauer Strobel erledigte sie ihre Aufgabe trotz der schlech- ten wirtschaftlichen und politischen Rahmen- bedingungen mit Bravour, in vielem sogar beispiel- haft. Bis zum Ausbruch der Weltwirtschaftskrise 1930 errichtete die DGSG mehr als ein Drittel aller Neubauwohnungen in Dortmund, und schuf dabei dabei Wohnanlagen, die in der Fachwelt der Archi- tekten und Städtebauer große Anerkennung fan- den und auch ein Jahrhundert später noch finden. Zudem – und das ist vielleicht die wichtigste Aner- kennung für eine Wohnungsgesellschaft – baute sie Wohnungen und Wohnanlagen, in denen die Mieter gerne lebten und leben. Wirtschaftsplan, 1929: Dunkelgrau – Industrie Hellgrau – Wohnen Weiß – Gärten und Landwirtschaft

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