DOGEWO21 Jubiläumsbuch - 100 Jahre Wohnen in Dortmund

77 des Volkes verlangt. […] Wesentlich war, daß die Größe der Aufgabe erkannt wurde und die besten Köpfe sich der Lösung dieser Aufgabe zuwandten, die früher als nebensächlich behandelt wurde, der Schaffung und Ausgestaltung der Wohnung für die große Masse der Bevölkerung, der Kleinwohnung.“  1 Das Wesen der Baukunst wurde in dieser Schrift definiert als „die Kunst, Räume zu bauen. Bauen aber heißt sinnvolles Aufschichten von Baustoffen zur Erlangung von Räumen für die Bedürfnisse der Menschen.“ 2 In diesem Sinn hatte die DGSG in den allermeisten ihrer Neubauten tatsächlich das Wesen der Baukunst getroffen. In der Stadt blieb in Hinsicht auf die Wohnungsfrage dennoch vieles im Argen. Mitte der 1920er-Jahre standen über 6.000 Wohnungssuchende auf der Dringlichkeitsliste des Wohnungsamtes, 1929 waren es schon 14.000 dringliche Fälle und noch hatte die Krise nicht einmal ihren Höhepunkt erreicht. „Wie man in Dortmund wohnt“ betitelte der General-Anzeiger einen Artikel vom 14. September 1930 über die Entwicklung und den Zustand des Wohnungs- marktes: „Wer Dortmunder ist und sich an die Zeit vor dem Krieg erinnern kann, der weiß, wie Dortmund in den letzten zwanzig Jahren gewachsen ist. Jahr um Jahr sind neue Wohnviertel entstanden und die Wiesen unserer Kindheit sind lange der wachsenden Stadt zum Opfer gefallen. Doch so viel auch in Dort- mund gebaut wurde, der Menschen wurden immer mehr als der Wohnungen. […] Dortmund gehört heu- te zu den übervölkertsten Städten Deutschlands. Denn während es im Reich durchschnittlich nur etwa 5 Prozent überfüllte Wohnungen, das heißt Woh- nungen, deren Zimmer mit mehr als zwei Personen belegt sind, (also schon ein ungesunder Zustand, denn der Maßstab für eine normale Wohnung ist ein Bewohner pro Zimmer) gibt, gibt es in Dortmund 12,4 überfüllte Wohnungen auf je hundert Wohnungen. […] Es wäre jedoch ungerecht, zu sagen, es würde nichts getan, um der Wohnungsnot abzuhelfen. Es wird viel gebaut in Dortmund und es wird auch zweckmäßig gebaut. Wer die neuen Wohnblöcke sieht, die überall entstanden sind, dem lacht das Herz, wenn er daran denkt, daß wieder so und so viel Bewohner unserer Stadt aus der Enge bisheriger Wohnungen herausge- kommen sind. Aber es wird nicht genug gebaut. Und vor allem, die Neubauwohnungen sind noch nicht so billig, daß auch die Arbeiter, die mehr als ein Kind haben, sie bezahlen können.“ Zu einem ähnlichen Fazit kam auch DGSG-Geschäfts­ führer Friedrich Strehlow, als er 1929 eine erste Bilanz zog. 3 Er hob hervor, dass seine Gesellschaft nicht an bestimmte Mietergruppen gebunden sei und entsprechend der Bevölkerungszusammensetzung der Stadt in erster Linie Arbeiterwohnungen baue. Es sei ohne besondere Schwierigkeit möglich gewe- sen, alle Wohnungen zu vermieten, die Nachfrage nach diesen Wohnungen liege merklich höher als das Angebot. Es habe sich jedoch herausgestellt, dass diese Wohnungen insbesondere für junge Familien schon zu teuer seien und auch von diesen nicht aus- gestattet werden könnten. Man habe die Erfahrung gemacht, dass schon bei der dreiräumigen Wohnung ein Teil der Mieter (10%) dazu übergegangen sei, Untermieter aufzunehmen, um sich dadurch das Wohnen zu verbilligen. In der Zukunft werde der Schwerpunkt der Bautätigkeit daher auf Zweiraum- wohnungen ausgerichtet sein. Das Wirken der DGSG in der Zeit der Weimarer Repu- blik ist im Stadtbild Dortmunds heute noch vielerorts in Form sehr gelungener Wohnhäuser und Wohnan­ lagen zu sehen. Soziale Verantwortung und architek­ tonische Qualität gingen dabei Hand in Hand und ließen in den allermeisten Fällen Wohnraum und Wohnumfeld entstehen, die schon bei den Zeitge­ nossen große Anerkennung fanden und auch heute noch von der Bedeutung und den Möglichkeiten ge- meinnützigen Wohnungsbaus Zeugnis ablegen.

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