DOGEWO21 Jubiläumsbuch - 100 Jahre Wohnen in Dortmund

80 Am 3. Februar 1939 kam Rudolf Heß, Stellvertreter des Reichskanzlers Adolf Hitler, nach Dortmund, um an der Zillestraße in Hombruch den ersten Spaten- stich für die „Stadt des deutschen Sozialismus“ zu vollziehen. Geplant war eine „neue Mittelstadt“ im Dortmunder Süden, eine Wohnsiedlung gewaltigen Ausmaßes, die sich von Dorstfeld imWesten über Eichlinghofen, Barop, Hombruch und Brünninghau- sen bis Hörde erstrecken und Wohnungen für bis zu 100.000 Menschen schaffen sollte. Der erste Bau- abschnitt sah die Errichtung von 4.500 Wohnungen in Renninghausen vor. Die „Massen der Bevölkerung“ sollten „aus der Bannmeile der Hochöfen und För- dertürme“ im Norden in die „freie und gesunde Luft des Südens“ ziehen. 1 Zugleich sollte damit der „roten Hochburg“ der Nordstadt die Basis entzogen und der Industrie mit der „Aufschließung des Nordens“ Flä- che für die weitere Expansion zur Verfügung gestellt werden. Ein ganz neues Stadtbild werde die Folge sein – mit der Westfalenhalle und der Kampfbahn Rote Erde als Zentrum und demWestfalen- und Hin- denburgdamm als „motorischer Achse“. In der neuen Mittelstadt sah das Regime die „Grundsätze natio- nalsozialistischer Volksauffassung“ umgesetzt: Mie- ter aller Schichten und Berufe würden in gesundem Umfeld in Gemeinschaft leben, was wiederum die Voraussetzung für ein starkes, wehrtüchtiges Volk sei. Menschen in beengten, überfüllten Wohnungen seien hingegen „bevölkerungspolitisch wertlos“. 2 In der euphorischen Berichterstattung der loka- len Presse über die geplante Siedlung und den Besuch des „Stellvertreters des Führers“ spiegelt sich die besondere Bedeutung, die das national- sozialistische Regime einer alles durchdringenden Propaganda beimaß. Dies gilt in besonderemMaße für den Wohnungsbau. Es wurde geplant und ange- kündigt, es wurden Fackelzüge und Aufmärsche zu Spatenstichen und Grundsteinlegungen organisiert, aber alles, was nicht wehrpolitisch von Bedeutung war, wurde schon in Friedenszeiten nur halbher- zig verfolgt und im Krieg schließlich nahezu völlig aufgegeben. Die Diskrepanz zwischen großspuri- ger Ankündigung und mangelhafter bzw. ausblei- bender Realisierung durchzog alle Bereiche außer der Rüstung, wurde aber mithilfe des gewaltigen Propagandaapparates geschickt kaschiert bzw. in das Gegenteil verkehrt. Die nach dem Krieg häufig Rudolf Heß tätigt den ersten Spatenstich für die nach ihm benannte Siedlung in Renninghausen, Februar 1939. Siedlung Renninghausen, Reichenberger Straße, 1950

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