Mietermagazin 04/2017

Viele Menschen möchten einen pflegebedürftigen Angehörigen so lange wie möglich selbst betreuen. Wer dabei weiterhin seinem Beruf nach- geht, sieht sich jedoch oft vor große Herausforderungen gestellt. AWO BIETET 84 TAGESPFLEGEPLÄTZE Pflegehilfe für den Alltag N icht selten wird die Situation als doppelte Belastung emp- funden – und der berufstäti- ge Angehörige hat das Gefühl, weder dem Pflegebedürftigen noch dem Arbeitgeber gerecht werden zu kön- nen. Um die Balance zwischen Pfle- ge und Beruf zu verbessern, hat die AWO Dortmund ein Betreuungsan- gebot mit insgesamt 84 Tagespfle- geplätzen etabliert. An den Stand- ortenMöllershof,Wickede undWest- hoffstraße können Tagesgäste an drei Tagen in der Woche bis 19 Uhr betreut werden, im Eugen-Kraut- scheid-Haus in der westlichen In- nenstadt sogar an allen fünf Werk- tagen. „Das gibt auch den berufs- tätigen Angehörigen Flexibilität, die nicht immer um punkt 16 oder 17 Uhr in den Feierabend gehen kön- nen“, erklärt Einrichtungsleiter Mir- ko Pelzer. Wie etwa Brigitte Jatzkowski. Seit anderthalb Jahren bringt sie ihre Mutter Ingelore viermal wöchentlich ins Eugen-Krautscheid-Haus. Zu- nächst hatte die Betreuung zu Hause mit Hilfe eines Pflegedienstes funk- tioniert.„Bis mich dann eines Nach- mittags die Polizei, die meine Mut- ter beim Spazierengehen aufgegrif- fen hatte, auf der Arbeit anrief.“ Die 86-Jährige hatte sich alleine auf den Weg gemacht und die Orientierung verloren.„Danachwar klar:Alleine zu Hause bleiben, das geht nicht mehr“, erzählt Brigitte Jatzkowski. Die Mitarbeiter des Pflegedienstes machten die Sachbearbeiterin auf die Tagespflege aufmerksam. Nach einem Beratungsgespräch mit Mir- ko Pelzer wurde ein Probetag im Eu- gen-Krautscheid-Haus vereinbart. „Es funktionierte von Anfang an su- per“, schildert Brigitte Jatzkowski, „und es erleichtert den Alltag un- gemein. Ich kann beruhigt arbeiten und meine Mutter fühlt sich in der Betreuung sehr wohl. Sie bekommt dort ihre Mahlzeiten und beteiligt sich nach Lust und Laune an Mal- gruppen oder Gedächtnistrainings.“ Auf dem Weg zur Arbeit bringt Bri- gitte Jatzkowski ihre Mutter von montags bis donnerstags in die Ta- gespflege und holt sie nach Feier- abend wieder ab. Meistens gegen 17 Uhr. Wenn es einmal später wird, weil imJob etwas Wichtiges ansteht, ist das nicht weiter schlimm. „Die verlängerten Öffnungszeiten geben mir Flexibilität“, weiß Brigitte Jatz- kowski. Die Mitarbeiter der AWO-Tagespfle- geeinrichtungen stellen sich auf die Bedürfnisse aller Gäste ein – egal ob sie geringfügig eingeschränkt sind oder intensivere Pflege benötigen. Insbesondere in der Betreuung von Menschen mit Demenz verfügt das Teamüber viel Erfahrung. Neben Be- schäftigungs- und Bewegungs-An- geboten erhalten die Tagespflege- gäste alleMahlzeiten. Ein Fahrdienst ist ebenso eingerichtet wie ein Ru- heraum. „Gold wert“, findet Manfred Bütt- ner die Tatsache, dass die Ergo- und Physiotherapeuten seiner Frau Ma- rion ins Haus kommen. „Denn das erspart uns weitere Wege nach Fei- erabend.“ Seit zwei Jahren wird seine Frau von Montag bis Freitag in der Tages- pflege betreut. 2013 hatte die heute 51-Jährige einen schweren Schlag- anfall. „Ärzten und Therapeuten ist es zu verdanken, dass es ihr jetzt besser geht“, sagt Manfred Bütter. „Dennoch ist es bei Pflegegrad 4 undenkbar, dass sie sich alleine zu Hause versorgt.“ Lange hatte der voll berufstätige Risikoanalyst nach ei- ner Pflegeeinrichtung recherchiert, telefoniert und verglichen.„Die Ent- scheidung für das Eugen-Kraut- scheid-Haus war richtig“, ist er über- zeugt. „Denn meine Frau braucht im Alltag viel Hilfestellung und Zunei- gung – beides bekommt sie hier.“ Ebenso wichtig sind die Öffnungs- zeiten. Auch,wennManfred Büttners Arbeitgeber viel Verständnis für die familiäre Situation hat, lässt sich die eine oder andere Überstunde nicht vermeiden. „Aber egal, ob ich mei- ne Frau um 17 oder um 18 Uhr abho- le“, sagt der Banker, „zum Abschied fragt sie immer, ob sie morgen wie- derkommen darf.“ „Hier kannste watt erleben“ – imRuhrpottslang wirbt ein großformatiges Ban- ner an der Einfahrtsstraße zum Industriedenk- mal. Bei gutemWetter herrscht amWochenende ordentlich Betrieb. Paarweise oder in Grüppchen sind die Besucher unterwegs. Manche schlie- ßen sich Führungen an, andere schlendern al- lein oder pausieren auf den Bierbänken impark­ artigen Innenhof. Dabei war der Abriss der im- posanten Zeche, in der mehr als 50 Jahre Kohle gefördert wurde, Ende der Sechzigerjahre be- schlossene Sache. Das einstige Vorzeigeob- jekt der Gelsenkirchener Bergwerks-AG hatte mit technischen Problemen und Planungsmän- geln zu kämpfen. 1955 gingen die Bergleute in Bövinghausen zum letzten Mal unter Tage. Marco Zinke ist Mitarbeiter des LWL-Industrie- museums, in dem sich Besucher über die Ge- schichte der Zeche und den Arbeitsalltag der Bergleute informieren können. Auch wennMarco Zinke selber einen anderen Beruf ergriffen hat, verbindet er Kindheitserinnerungen mit Zollern: Sein Ur-Opa kutschierte einst den Bergwerksdi- rektor, später wechselte er in die Maschinenhal- le. Bis vor ein paar Jahren lebten Marco Zinkes Großeltern in der alten Kolonie in Bövinghausen – damals hochattraktiver Wohnraum für die Fa- milien der Bergleute. Gebaut wurde Zollern II/IV von 1898 bis 1904 nach den Entwürfen von Paul Knobbe.Die außer- gewöhnliche Architektur mit symmetrisch ange- ordneten Gebäuden, rotem Ziegelmauerwerk, Staffelgiebeln und vielen Verzierungen brach- ten der Zeche damals den Beinamen „Schloss der Arbeit“ ein. Anekdoten rund um Zollern gibt es viele. Eini- ge davon greift Marco Zinke beim Rundgang auf – etwa in der opulenten Lohnhalle, wo es das Geld noch „bar auf Tatze“ gab, während die vor dem Zechentor wartenden Ehefrauen die Kum- pel davon abhielten, gleich die nächste Kneipe anzusteuern. Nach aufwendiger Restaurierung steht seit September 2016 die Maschinenhalle mit ihremprächtigen Jugendstilportal wieder of- fen. Hier zeigt sich, dass Zollern II/IV nicht nur in optischer, sondern auch in technischer Hinsicht besonders war: Die Betreibergesellschaft hat- te sämtliche Maschinen von Dampfantrieb auf elektrischen Strom umgestellt. Noch heute sind die beiden Fördermaschinen sowie ein Kompres- sor von 1902 im Original vorhanden. Nach demEnde der Kohleförderung blieb die Ze- che noch einige Jahre lang als Seilfahrtanlage in Betrieb. 1966 standen die Räder jedoch endgül- tig still, kurz darauf wurde das Fördergerüst über Schacht II demontiert, die Maschinenhalle zum Abbruch ausgeschrieben. Ein kleiner Kreis en- gagierter Personen machte sich jedoch für den Erhalt der Zeche stark. In einer gemeinschaft- lichen Aktion mehrerer Unterstützer gelang es, die Maschinenhalle sowie die Fördermaschine Der Begriff „Industriekultur“ ist in aller Munde. Dabei begann die Pflege techni- scher Denkmäler im Ruhrgebiet erst Anfang der Siebzigerjahre – mit dem Erhalt der Zeche Zollern II/IV in Bövinghausen. Längst ist die einstige „Musterzeche“ ein beliebter Ausflugs- und Veranstaltungsort. ZOLLERN II/IV Das Schloss der Arbeit Anzeigen unter Denkmalschutz zu stellen und den Abriss zu verhindern. Für die Landschaftsverbände Westfalen-Lip- pe (LWL) und Rheinland (LVR) ein Anstoß, Refe- rate für die Technische Denkmalpflege in ihren Landesdenkmalämtern einzurichten. Seit 1999 ist Zeche Zollern die Zentrale des LWL-Indus- triemuseums. Der ursprüngliche Charakter mit den beiden symmetrischen Fördergerüsten wur- de nachträglich wiederhergestellt – der Teil über Schacht II stammt von der ZecheWilhelmine Vic- toria aus Gelsenkirchen. Unzählige Besucher ha- ben die Dauerausstellung zur Sozial- und Kul- turgeschichte des Ruhrbergbaus gesehen, sich über Arbeitsmaterial,Ausbildung,Sicherheit und Freizeit der Bergleute informiert. Darüber hinaus sorgen Ausstellungen und Veranstaltungen vom Filmfestival bis zum Ruhrpottkarneval „Geier­ abend“ dafür, dass man auf Zollern immer wie- der „watt Neues“ erleben kann. Anzeige Bei den Führungen durch die denkmalgeschützten Anlagen hören die Besucher Anekdoten über die frühere Arbeit auf Zollern II/IV. Auf die Tagespflege imEugen-Krautscheid-Haus können sichManfred Bütt- ner (r.) und Ehefrau Marion (r, sitzend) immer verlassen. in Dortmund 21 20 DOGEWO21 Mietermagazin Ausgabe 04 /2017

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