Mietermagazin 04/2019

N ähe, die man nicht mehr aus- halten kann, das schlechte Ge- wissen, die Liebe seiner Partnerin, seines Partners verraten zu haben, das Gefühl kennen sie alle. Die An- gehörigen von Menschen, die an Demenz erkrankt sind, und die sich an jedem ersten Freitag im Monat zwischen neun und elf Uhr im Eu- gen-Krautscheid- Haus an der Lan- ge Straße 42 zumFrühstück treffen, kennen aber ebenfalls die Stärke, die von einer Gemeinschaft Gleich- betroffener ausgeht.„Pflegepause“ heißt das Angebot der AWO und des Seniorenbüros Innenstadt West. Demenz ist die Erkrankung von zwei Betroffenen. Desjenigen, bei dem sie diagnostiziert wurde und die des Partners, der lernen muss, da- mit umzugehen, die Person, die er liebt, nach und nach zu verlie- ren. „Ich habe Magenschmerzen vor schlechtem Gewissen gehabt“, erinnert sich Silvia Grode an den Tag, an dem sie das erste Mal ih- ren Mann zur Tagespflege brachte, die die AWO für Demenzerkrankte anbietet. Aber das Durchatmen hat sie gebraucht, das Gefühl, einmal so etwas wie Verantwortung zu de- legieren. „Ich habe gemerkt, dass er sich wohlfühlt. Jetzt kann ich es genießen, ein paar Stunden frei zu haben“, sagt sie. Auch Karin Laske wollte stark blei- ben: „Ich dachte immer nur, wenn Du jetzt auch noch zusammen- brichst...“ Sie dachte es genauso lange, bis sie die Last nicht mehr tragen konnte. Diese Geschichten können sie alle erzählen, und es sind alles Geschichten vom Aus- halten. Inzwischen aber lernen sie das Haushalten, das Eintei- len von Kraft, das auch mal an sich selber Denken.„Hier macht Dir kei- ner Vorwürfe“, stellt Karin Laske fest. Hier kommen sie zum Reden, weil zuhause oft keine Antworten mehr sind. Die AWO und das Seniorenbüro In- nenstadt West bieten zusätzlich jeden Freitag zwischen neun und 13 Uhr eine Betreuungsgruppe für Menschenmit Demenz an – noch ei- ne Möglichkeit für die Angehörigen, Luft zu holen. An diesem Freitag ist Nina Rosen- kranz von „ZeitGut“ zu Gast in der Runde (Kontakt Tel. 0231-222 5135). Der ambulante Betreuungsdienst übernimmt die Betreuung an De- menz Erkrankter zu Hause. „Eine Bezugsbetreuung ist das“, erklärt sie, „es kommt immer der gleiche Mitarbeiter, damit sich ein Gefühl für eine Person etabliert.“ Keiner muss sich mehr mit seinemSchick- sal allein gelassen fühlen, sämtli- che Leistungen (auch die der AWO) könnenmit den Pflegekassen abge- rechnet werden. Der Kaffee steht auf dem Tisch, fri- sche Brötchen, Käse, Wurst, Mar- melade ebenso.Mal fließen Tränen, mal wird in den Armgenommen,mal wird gelacht, immer wird erzählt. Wer die „Pflegepause“ in Anspruch nimmt, stärkt sich nicht nur für den Tag, sondern grundsätzlich. Soll nur keiner glauben, sie liefen vor ihren Aufgaben weg. Der Gesprächskreis ist jederzeit offen für neue Gäste. Die Kreativen Wenn Angehörigen die Kraft ausgeht Menschen, die einen an Demenz erkrankten Angehörigen pflegen, gehen oft bis an den Rand ihrer Kräfte. Die AWO bietet ihnen Hilfe mit dem Projekt „Pflegepause“. BETREUUNGSGRUPPEN „Pflegepause“ und Betreuungsgruppe Carla Cailean (AWO) Tel.: 0231 / 88 08 81-25 Kerstin Jung (Seniorenbüro Innenstadt West) Tel.: 0231 / 50 11 341. Bei einer Demenzerkrankung sind immer auch die Angehörigen betroffen. Der Gesprächskreis gibt ihnen die Möglichkeit, sich auszutauschen. 17 Ausgabe 04 /2019

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